Berchtesgaden: Die Top-Touren: Rund ums Bergsteigerdorf Ramsau

Ramsau liegt am Fuße des Watzmanns. Doch nicht nur der Promiberg lockt – hier finden Wanderer großartige Touren gleich vor den Toren des Bergsteigerdorfes Ramsau. Auf dieser Seite bekommt ihr alle wichtigen Reiseinfos und Tourenbeschreibungen – in Kooperation mit unserem Tourenpartner komoot.de:


Die Top-Touren rund um Ramsau

1. Soleleitungsweg


Früher verlief auf dem Soleleitungsweg eine Pipeline: In den Rohren wurde bis 1960 flüssiges Salz vom Salzbergwerk Berchtesgaden in die Saline Bad Reichenhall gepumpt. Weil der Weg großartige Blicke bietet, spricht man in Ramsau auch vom »Balkon Gottes«. Vom Gasthof Oberwirt wandert man zur Wallfahrtskirche und weiter zur Hindenburglinde, einem der ältesten Bäume Bayerns. Sein Umfang beträgt elf Meter, wie alt er ist, darüber gehen die Meinungen auseinander: Die Schätzungen reichen von 600 bis zu 1000 Jahren. Ander Linde beginnt der breite Soleleitungsweg, der fast eben oberhalb der Ramsau über Wiesen und durch Bergwald zum Zipfhäusl und zum Berggasthof Gerstreit führt. Unterwegs hat man herrliche Ausblicke auf Watzmann, Hochkalter und Hohen Göll. Die zweite Hälfte geht man überwiegend im Wald, um den Söldenköpfl (1022 m) und hinunter nach Ilsank, wo der Bus 846 zurück nach Ramsau fährt.


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Länge 11,45 km
Dauer 3:24 Std
Schwierigkeitsgrad Mittelschwer
Höhenunterschied 308 Meter
Höhenmeter absteigend 395 Meter
Tiefster Punkt 670 m ü. M.
Höchster Punkt m ü. M.

2. Nach St. Bartholomä


Die Rundtour um den Watzmann beginnt am Parkplatz Wimbachbrücke und führt zunächst durch die Wimbachklamm mit ihren Wasserfällen. Auf einem sanft ansteigenden Weg wandert man lange durch das sich weitende Tal vorbei am Wimbachschloss bis zur Wimbachgrieshütte (1327 m). Nun folgt man dem namensgebenden Gries, einem hunderte Meter breiten Schuttstrom, und steigt in Kehren auf zum Sattel des Trischübels (1774 m). Wer fit und gut in der Zeit ist, kann hier einen Abstecher zum Hirschwieskopf (2114 m) machen. Ansonsten folgt man nun dem steilen Steig hinab, durch eine bewaldete Karstschlucht und über ein ausgesetztes Felsband, das mit einem Drahtseil versichert ist. Am Ende testen viele Serpentinen noch mal die Knie, bevor man am Ufer des Königssees nach St. Bartholomä ausläuft und die Fähre nach Schönau nimmt. Dort nimmt man zuerst den Bus 841 nach Berchtesgaden und dann den Bus 846 zur Wimbachbrücke.


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Länge 20,36 km
Dauer 8:00 Std
Schwierigkeitsgrad Schwer
Höhenunterschied 1147 Meter
Höhenmeter absteigend 1178 Meter
Tiefster Punkt 635 m ü. M.
Höchster Punkt m ü. M.


Berchtesgaden, Ramsau; Komoot SH 04/2021, Wanderungen


Jens Klatt

Dank des Holzsteigs durch die wilde Wimbachklamm kommen Wanderer von Ramsau in ein paar Stunden zum Königssee.

3. Schaflsteig


Von der Haltestelle des Almerlebnisbusses an der Engert-Holzstube etwa 250 Meter der Straße folgen, bis rechts der Schaflsteig abzweigt. Er führt in mehreren Serpentinen steil durch den Bergwald hinauf. Ab der Baumgrenze wandert man dicht entlang der Felswände des Stadelhorns bis zum Einstieg in eine Felsrinne. Hier beginnt der gut mit Drahtseil und Stahlbügeln versicherte Klettersteig (B/C) hinauf zur Mayrbergscharte (2055 m). Gipfelstürmer haben hier die Wahl, weiter aufs Stadelhorn (2286 m) oder aufs Wagendrischelhorn (2252 m) zu kraxeln. Der Abstieg wird aber auch ohne diese Abstecher lang genug. Man quert einen Karstkessel und folgt dann dem Böslsteig, der erst über Wiesen, dann durch Latschen in endlosen Kehren hinunter zur Straße und zum Klausbachhaus führt – einem denkmalgeschützten Bauernhaus. Dort kann man die Ausstellung des Nationalparks zu den Almen anschauen und den Bus zurück nach Ramsau nehmen.


Mehr zum Thema:
Länge 11,22 km
Dauer 6:37 Std
Schwierigkeitsgrad Schwer
Höhenunterschied 1143 Meter
Höhenmeter absteigend 1307 Meter
Tiefster Punkt 963 m ü. M.
Höchster Punkt m ü. M.

4. Schärtenspitze (2153 m)


An der Pfeiffenmacherbrücke nimmt man die Forststraße zur Eckaualm. Der Weg wird schmaler und windet sich als Wurzelpfad durch den Wald nach oben bis zur Hochalm-Diensthütte (1500 m). Kurz dahinter hält man sich rechts Richtung Eisbodenscharte (links geht es zur Hochalmscharte und hinab ins Wimbachgries). Der Weg führt über Blumenwiesen und scharfe Karstfelsen hinauf zu einer kurzen Rinne. Gesichert durch ein Drahtseil, kraxelt man nach oben zur Eisbodenscharte. Nach ein paar Minuten sieht man dabei den Hintersee im Tal funkeln. Von der Eisbodenscharte über einen luftigen Grat zur Schärtenspitze (2153 m). Ausgesetzte Stellen sind mit einem Drahtseil versichert, oben sieht man die Watzmann-Westflanke, den Hochkalter und die Reiter Alpe. Auch der Abstieg durch Fels und Geröll ist mit einem Drahtseil versichert, bevor man in weiten Kehren zuerst zur Blaueishütte (1651 m) und von dort über die Schärtenalm ins Tal hinabwandert.


Mehr zum Thema:
Länge 14,04 km
Dauer 7:37 Std
Schwierigkeitsgrad Schwer
Höhenunterschied 1419 Meter
Höhenmeter absteigend 1418 Meter
Tiefster Punkt 685 m ü. M.
Höchster Punkt m ü. M.

Reiseinformationen & Tipps

  • Wie man nach Ramsau kommt: Mit dem Zug fährt man nach Berchtesgaden, von dort geht es per Regionalbus 846 weiter nach Ramsau. rvo-bus.de
  • Herumkommen: Die Startpunkte der Touren erreicht man mit dem Wanderbus, der mit der Gästekarte kostenlos ist. Zur Haltestelle Engert-Holzstube (Startpunkt der Tour 3, Schaflsteig) fährt allerdings nur der Almerlebnisbus ab dem Hintersee, der drei Euro extra kostet.
  • Orientieren: Die Wanderwege rund um die Ramsau sind perfekt markiert und beschildert. Gute Zusatzdienste leistet die Kompass Karte Berchtesgadener Land im Maßstab 1:25.000, 11,99 Euro, kompass.de
  • Reiseinfos, Karten & Literatur: Die Webseite ramsau.de bietet grundlegende Informationen, auch Unterkünfte kann man über sie finden und buchen. Unter bergsteigerdoerfer.org erfährt man mehr über die Alpingeschichte und bekommt Tipps für Wander-, Kletter- und Skitouren. Der Rother Wanderführer Berchtesgadener Land stellt 51 Touren vor, einige davon rings um die Ramsau. 16,90 Euro, rother.de.
  • Anspruch: Abgesehen von ein paar einfachen Wanderungen wie dem Malerweg oder dem Soleleitungsweg sind die Touren lang und fordernd. Für die hochalpinen Steige auf die Schärtenspitze oder auf die Gipfel der Reiter Alm muss man trittsicher und schwindelfrei sein. Kurze Abschnitte sind sogar zu kraxeln, aber gut mit Stahlseilen gesichert.
  • Beste Zeit: Die besten Monate zum Wandern sind Mai bis Oktober. Für hochalpine Touren eignen sich je nach Schneelage in der Regel die Monate von Juli bis September.
  • Übernachten: Das »Rehlegg« ist eine Institution in Ramsau. In drei Generationen baute die Familie Lichtmannegger ihren Bergbauernhof auf einer Anhöhe zum Vier-Sterne-Superior-Hotel aus. Vom Außenpool blicken Gäste auf den Watzmann, an Regentagen schwitzt man in den Saunen oder badet im Innenpool. Für Ausflüge verleiht das klimapositive Hotel ohne Aufpreis E-Autos, das Restaurant serviert Gerichte aus regionalen Bio-Zutaten – und dazu den exklusiv gebrauten Rehbock, ein Weißbier aus seltenem Laufener Landweizen. Tel. 08657/98840, rehlegg.de
  • Essen: Im Wirtshaus »Auzinger« zechten die Maler, heute lassen sich Wanderer den hervorragenden Schweinsbraten schmecken. Die Stuben mit Kachelöfen und Geweihen an der Wand sehen aus wie damals. Und wer fragt, darf durch eine Kopie der Malerchronik von 1855 blättern, die das wilde Leben in der Künstlerkolonie beschreibt. Tel. 08657/230, auzinger.de


Berchtesgaden, Ramsau Wanderungen


Jens Klatt

Im Schatten vor der Wimbachgrieshütte sitzen und Spezi trinken: an Sommertagen eine Top-Kombination.

„Steile Meilen“ – unser Reisebericht aus Ramsau

Die Trainingsstrecke des Rekordläufers ist erstaunlich zahm. Breit und eben führt der Soleleitungsweg über Ramsau dahin, »perfekt zum Laufen«, sagt Toni Palzer, der gleich oberhalb wohnt, »so viele flache Wege haben wir hier nicht«. Der hagere 27-Jährige mit dem Schnurrbart ist in der Szene und im Dorf ein Star. Zwei Wochen zuvor ist er in 2:45 Stunden den berüchtigten Grat über die drei Gipfel des Watzmanns gerannt – mit Start im Tal und zehn Kilometer langem Schlusssprint durchs Wimbachgries. Der Lauf hat König Watzmann mal wieder in die Medien gebracht. Als wäre er nicht berühmt genug. An manchen Tagen drängen sich 300 Bergsteiger auf seinem Grat, einen Schlafplatz auf der Watzmannhütte zu ergattern bleibt im Corona-Sommer ein frommer Wunsch. Besser also, man verzichtet vorerst auf den legendären Berg. Und wendet sich Touren in seinem Schatten zu.


Das perfekte Basislager dafür ist in Zeiten überfüllter Hütten die Ramsau. Toni Palzers Heimatort am Fuße der großen Gipfel des Berchtesgadener Landes wurde vor sechs Jahren als erstes Bergsteigerdorf Deutschlands zertifiziert. Hier lebte der Kederbacher, der 1868 als Erster die drei Gipfel des Watzmanns überschritt und 1881 als Erster seine berüchtigte Ostwand erklomm. Auf dem Friedhof ruht Hermann Buhl, der Erstbesteiger des Nanga Parbat. Und von 1800 Einwohnern sind heute 15 Bergführer. »Auf die Berge geht bei uns jeder«, sagt Palzer. Um uns einen Überblick über die vielen Ramsauer Hausberge zu verschaffen, wandern meine Begleiterin Fricka, der Fotograf Jens und ich zuerst Palzers Rennstrecke, den für Wanderer vierstündigen Soleleitungsweg. Ein paar Holzrohre am Wegesrand helfen dabei, uns die altertümliche Pipeline vorzustellen, mit der von 1817 bis 1960 das flüssige Salz vom Salzbergwerk Berchtesgaden zur Saline Reichenhall gepumpt wurde. Schon damals spazierten die Ramsauer gerne hier, auf dem »Balkon des lieben Gottes«. Und jedes Mal, wenn wir aus dem Wald treten, verstehen wir sie besser. Über das Dorf hinweg sehen wir die Felsspitzen der Reiter Alm, den Watzmann und den Hochkalter im Abendlicht und dazwischen tief eingeschnitten das Wimbachtal. Als Zugabe kreist hoch oben ein Steinadler.


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Juliane Pohle

Ergreifende Bilder mit Alpenglühen


Es waren Maler, welche die Schönheit der Ramsau als Erste erkannten und in die Welt hinaustrugen. In den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts strömten sie aus München und Wien, Hamburg und Kopenhagen herbei. Viele blieben den ganzen Sommer, Professor Albert Zimmermann brachte sogar seine Studenten mit. Ihre Werke stehen heute, hübsch auf Staffeleien drapiert, entlang des Malerwegs, der uns zu den Lieblingsmotiven der alten Romantiker führt: zur Kirche St. Sebastian mit ihrem geschindelten Zwiebelturm, dem weltweiten Standard-Alpenidyll auf Puzzles und Kalendern; zur schäumenden Ramsauer Ache und zum Zauberwald, wo sich die Wurzeln der Bäume um Felsbrocken schlingen; und zum Hintersee, in dem sich die Felsgipfel spiegeln – im besten Falle im Alpenglühen, wie auf dem Gemälde von Carl Rottmann aus dem Jahr 1846. »Mich ergriff das herrliche Bild«, schrieb König Ludwig I., der das Ölgemälde sofort kaufte.


Der Hintersee hat sich seitdem verändert. Auf der Uferstraße fahren Autos, und an den Felsinselchen, wo früher Fischer ihre Netze auswarfen, strecken nun junge Paare ihre Fü.e ins lindgrüne Wasser. Sein Zauber aber ist ungebrochen. »Heute stehen die Fotografen um 5 Uhr morgens an den gleichen Stellen wie damals die Maler«, sagt Christoph Karbacher. Der frühere Leiter des Heimatmuseums in Berchtesgaden, 79, sitzt auf der Terrasse des »Auzinger«, wo die Künstler einst zechten und schliefen. »Babette Auzinger verstand es, die Maler bei Laune zu halten«, erzählt er. Die Wirtin baute eine Kegelbahn an und stellte ein Spinett in die Stube. »Die Männer des Dorfs waren begeistert, dass mit den Malerinnen erstmals auch Frauen ins Wirtshaus kamen«, sagt Karbacher. Und die Maler konnten an Regentagen die Bergbauern mit ihren Charakterköpfen porträtieren. Ab 1847 bekamen die Romantiker eine weitere dankbare Vorlage für ihre dramatischen Bilder: Auf Holzstegen konnten sie nun in die Wimbachklamm klamm spazieren, in die sich zuvor nur Holzknechte zum Triften wagten. Wild ist die Schlucht bis heute. Das türkisfarbene Wasser rauscht über meterhohe Stufen und strudelt durch ausgeschliffene Felspfannen, Baumstämme haben sich in die gewundene Felsrinne geklemmt, Wasserfälle perlen die bemoosten Wände herab.


Die Zeit zur Kontemplation ist freilich begrenzt, von hinten drängen schon die nächsten. Die meisten wollen nur hinauf zu den beiden Hütten, eine lockere Halbtagstour. Wir haben uns dagegen die sieben- bis achtstündige Runde um den Watzmann vorgenommen, auf der man auch die Fähre über den Königssee von St. Bartholomä aus nimmt. Außerdem planen wir einen Abstecher auf den Hirschwieskopf. Über einen breiten, sanft ansteigenden Kiesweg gehen wir zügig durch lichten Wald, flankiert von zerfurchten, himmelhohen Felswänden. Neben uns mäandert der Wimbach vielarmig durch sein Bett aus Kies und Geröll, in dem Wanderer Steinmännchen aufgeschichtet haben. Und fern im Talschluss drohen die Palfelhörner wie die Schreckensburg eines Magierkönigs, umringt von Reihen zackiger Türme.


Berchtesgaden, Ramsau Wanderungen


Jens Klatt

Vier für die Berge: Fotograf Jens Klatt, Powerwanderin Fricka Schmid, Kulturphilosoph Jens Badura und Autor Florian Sanktjohanser.

Lieber gleich ins Wimbachgries


Der Tag wird heißer, bald ist es Mittag. An der Wimbachgrieshütte stürzen wir ein Spezi runter und beraten uns über der Karte. Sollen wir den steilen Aufstieg zum Hirschwieskopf noch wagen? Der Blick auf die Südspitze des Watzmanns soll grandios sein. Wir kalkulieren die Gehzeiten durch, das letzte Boot aus St. Bartholomä legt um 18 Uhr ab. Zu knapp, ein anderes Mal. Die Fehlplanung wurmt mich kurz, aber deutlich entspannter wandern wir nun über das weite Gries, eine Schuttödnis mit vereinzelten Latschenkiefern und Baumskeletten. Die perfekte Karl-May-Kulisse. Junge Männer mit kleinen Rucksäcken und entschlossenem Blick kommen uns entgegen, die Karawane der Watzmann-Überschreiter. »Ich bin um 4 Uhr gestartet«, erzählt einer. Andere seien schon um 1:30 Uhr aufgestanden, um auf dem Grat nicht im Stau zu stehen.


Ein bisschen schäme ich mich, selbst am Hirschwieskopf zu scheitern. Aber der Blick übers wüstenhafte Gries lenkt beim Aufstieg zum Trischübel schnell wieder ab. Der Sattel selbst ist unspektakulär, also steigen wir gleich wieder auf der anderen Seite ab. Durch Karstfelsen und zig Arten von Bergblumen trotten wir in eine Doline und tauchen dann ein in die bayerische Variante eines Dschungels. Farne und Büsche, junge Ahorne und Buchen hüllen uns in lichtes Grün. Und an der Sigeretplatte geht es ausgesetzt auf einem Felsband die Schlucht entlang. Nur die letzte Stunde zieht sich, über endlose, betonierte Serpentinen ächzen wir hinab. Doch auf den letzten Kehren versöhnt bereits der Ausblick auf den smaragdgrünen Königssee. Und als wir ins kalte Wasser hechten, sind die schmerzenden Füße längst vergessen.


Nicht jeden Trend mitmachen


In der Warteschlange vor dem Bootsanleger muss ich an Jens Badura denken. Eigentlich sollte uns der habilitierte Kulturphilosoph und Wanderführer auf dieser Tour begleiten, aber dann änderten wir die Pläne. Zum Glück, denke ich nun. Denn Massentourismus wie hier in St. Bartholomä ist dem 48-Jährigen ein Graus.



Badura führt uns lieber auf eine der ruhigen Touren um Ramsau. »Auf die Reiter Alm gehen wenige«, sagt er, als er uns früh am nächsten Morgen abholt. »Der Aufstieg ist von allen Seiten steil.« Und es fehle der Kult wie beim Watzmann. Während wir den Bergwald hinaufsteigen, räsoniert Badura darüber, was die Auszeichnung als Bergsteigerdorf für Ramsau bedeutet. Das Konzept des nachhaltigen Alpentourismus werde hier sehr ernst genommen, sagt er. Und es passe ohnehin gut zum Selbstverständnis der eigensinnigen Ramsauer, die sich so manchem Trend verweigert hätten. »Wenn eine Beerdigung ist, dann wird die Tracht angezogen, das ist ganz selbstverständlich«, sagt Badura. »Da ist nichts aufgesetzt.«


Natürlich zeigt der Outdoorboom auch hier Wirkung. »In den letzten fünf Jahren ist wahnsinnig viel passiert«, sagt Badura. »Früher schmale Steige sind jetzt breit ausgetreten.« Besonders auf den Almen werde es oft trubelig. Wir dagegen begegnen an diesem herrlichen Sommermorgen nur einer Dreiergruppe von Wanderern. Ein Grund für die Ruhe ist wohl, dass es von nun an hochalpin wird. Auf und ab wandern wir dicht unter der zerfurchten Flanke des Stadelhorns entlang, vorbei an Zinnen, Flossen und Nadeln aus Kalk, bis wir an einer Felsrinne wieder auf die Dreiergruppe treffen. Sie kraxelt gerade den mit Drahtseil versicherten Steig hinauf, wir halten lieber Abstand. Und genießen den Fernblick auf die Loferer Steinberge, den Wilden Kaiser und die Gletscher der Hohen Tauern, während Badura ein bisserl über die Eventisierung und Möblierung der Berge durch Klettersteige lästert. Bestimmt hat er Recht. Aber bei der folgenden Kraxelei bin ich trotzdem froh um jeden Stahlbügel an kniffligen Stellen.


Oben auf der Mayrbergscharte öffnet sich vor uns ein Felskessel, gefleckt mit Latschenkiefern und Schneeresten, über uns lockt die Stufenpyramide des Stadelhorns. Aber der Abstieg ist noch lang, den Gipfelsturm sparen wir uns lieber für den letzten Tag auf: für die Schärtenspitze. Eigentlich ist die Schärtenspitze, die nordöstlich von Ramsau aufragt, eine sehr populäre Tour, sagt Badura – allerdings nur über die Normalroute. Weshalb wir den längeren und schöneren Aufstieg über die Hochalm wählen. Über eine Forststraße laufen wir uns die muskelkaterigen Beine warm, dann führt uns ein Wurzelpfad durch Mischwald zur herrlichen Hochalm, wo Almrausch, Teufelskralle und Hahnenfuß zwischen Karstfelsen leuchten. Eine kurze Kraxelpassage eine Rinne hinauf, und schon staksen wir mit Tiefblick auf den Hintersee den Grat zum Gipfel hinaus.


Fühlt sich im Vergleich zum Vortag wie ein besserer Spaziergang an. Aber Badura warnt: Der schwierige Teil der Tour wartet noch. Auf rutschigen Felsen tapse ich am Drahtseil entlang bergab und schätze mich glücklich, dass an diesem Tag wenige Wanderer entgegenkommen. Und dass ich meine Stöcke für die Geröllserpentinen mitgenommen habe. Die Blaueishütte kommt keine Minute zu früh. Von den Kuchen hier habe ich Sagenhaftes gehört. Und bin nicht enttäuscht. Über eine Cheese-Cake-Klippe hinweg schaue ich hinauf zum einstigen Blaueisgletscher, der längst zum Schneefeld degradiert wurde, zu seinem Felskessel und den geschichteten, gefalteten Wänden ringsum. Und denke nach der ersten Gabel: Der Watzmann kann warten.


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