Interview: „Höhe interessiert mich nicht, sondern anspruchsvolles Gelände“

Dörte Pietron ist Bergführerin, leitet den DAV Frauen-Expeditionskader und stand in Patagonien mehrmals auf Cerro Torre und Fitz Roy. Sie eröffnete sie alpine Sportklettereien bis 10+. Etwas besonderes möchte Dörte Pietron trotzdem nicht sein.


Dörte, wie war 2020 für dich als Bergjahr? Was hat alles nicht geklappt, was hast du stattdessen gemacht?


Wir wollten im Frühjahr ins Yosemite, um am El Capitan eine Frei­kletterroute zu versuchen. Das ging natürlich nicht. Stattdessen waren wir wieder am Riffelkopf im Wettersteingebirge und haben dort eine weitere Erstbegehung gemacht. Außerdem war die Bergführerarbeit mehr oder weniger verboten, das ging dann erst im Juli wieder ein bisschen los. Im Juni stand das Sichtungscamp für den nächsten DAV Expedkader auf dem Plan, das mussten wir absagen. Das haben wir im Oktober gerade noch rechtzeitig vor dem zweiten Lockdown in Mittenwald abgehalten.


Du hast relativ spät begonnen, Skitouren zu gehen und kurz darauf mit dem Klettern angefangen. Wie sah dein Leben davor aus, hattest du da schon sportliche Hobbies?


Ich bin über meine Mutter so mit 17, 18 zum Skitourengehen gekommen. Davor war ich viel laufen, habe als Kind mal kurz Leichtathletik gemacht und auch mal kurz geturnt.


Zitat Dörte Pietron


KLETTERN

Drei Jahre später hast du die Lauperroute in der Nordostwand des Eigers gemacht. Was hat dich in die Berge statt in die Halle gezogen?


Die Berge sind das, was mir am meisten Spaß macht. Mich hat sofort dieses Draußensein in dieser Umgebung fasziniert. Ich fühle mich da einfach wohl, auch in großen Wänden, was viele ja beängstigend finden. Und was mich am Klettern von Anfang an total begeistert hat, ist die Intensität. Egal in welcher Disziplin: Du bist beim Bergsport genau da, wo du bist, und machst genau das, was du tust. Du konzentrierst dich hundertprozentig. Und zwar psychisch und physisch: Es ist körperlich anstrengend, hat aber auch viel mit Taktik und mit dem Einschätzen von Gefahren und so zu tun.


Hattest du je Höhenangst oder dich überwinden müssen?


Ich hatte eigentlich nie Angst vor der Höhe. Auch nicht vor großen Wänden. Das ist jetzt eher mit den Jahren dazu gekommen.



Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Daniel Gebel

Dörte gehen die Ziele nicht aus. In den Dolomiten arbeitet sie mit Daniel Gebel an einem neuen „richtig schweren“ Projekt.

Hattest du anfangs Vorbilder oder Ideale, denen du folgen wolltest?


Nein, das war komplett mein eigener Antrieb. Ich habe mich auch nicht informiert über irgendwelche Bergsteigergrößen, habe keine Zeitschriften und keine Bücher gelesen und keine Filme angeschaut. Mir hat das einfach voll Spaß gemacht und ich wollte das machen.


Bist du dann ein kletternder Autodidakt?


Ich habe keine Kurse gemacht. Aber ich war tendenziell mit Leuten unterwegs, die mehr Erfahrung hatten als ich. Da habe ich mir schon einiges von anderen abgeschaut. Einen großen Teil habe ich mir aber auch selbst beigebracht.



Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Christian Pfanzelt

Am Riffelkopf im Wetterstein gelang Dörte die Erstbegehung ‚Goldkäfig‘ (10+)

Du wurdest 2002 als einzige Frau in den gemischten Expedkader das DAV aufgenommen. Wie bist du da dazu gekommen?


Ich war 2001 mit dem ersten Vorsitzenden der Sektion Heidelberg und seinem Sohn in Peru zum Bergsteigen. Der hat mich darauf hingewiesen, dass es diesen Kader gibt, und meinte, ich sollte mich doch mal bewerben. Das habe ich gemacht und wurde dann zum Sichtungscamp nach Chamonix eingeladen. Beim Sichtungscamp waren relativ viele Teilnehmer dabei, da wurden viele große Klassiker geklettert. Im Herbst habe ich dann die Nachricht gekriegt, dass ich im Expedkader bin.


Hattest du für das Sichtungscamp speziell trainiert?


Nein. Ich war eh jedes freie Wochenende in den Bergen. Aber das war nicht für den Kader, sondern meine eigene Motivation. Das einzige, was ich dann irgendwann angefangen habe, war in die Halle und zum Sportklettern zu gehen. Das war mein Training, wenn ich nicht in die Berge konnte. Und ich bin laufen gegangen, aber das habe ich vorher auch schon gemacht.


Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Rolando Garibotti

Dörte am Fitz Roy: 2011 kletterte sie die ‚Supercanaleta‘ (1600m, 5+, 80°)

Nach dem Physikstudium hast du deine Liebe zu Patagonien entdeckt. Was macht das Bergsteigen dort so faszinierend?


Diese völlig einzigartige Landschaft. Mir ist noch keine schönerer Berg als der Cerro Torre begegnet. Diese rundum steile Granitnadel mit den Schneepilzen oben drauf ist einfach unglaublich beeindruckend, gleichzeitig anziehend und respekteinflößend. Und es ist ja nicht nur der Cerro Torre, sondern die ganze Kette. Das sind Berge mit Dimensionen, wie sie sonst nur im Himalaya stehen mit Wandhöhen bis 1700 Metern aus Granit. Und es ist ein relativ kleines Gebirge, wo im Westen nur noch das Inlandeis und der Pazifik und im Osten die Steppe und irgendwann der Atlantik kommen. Wenn man da auf einem Gipfel steht, das ist völlig verrückt. Du siehst in die eine Richtung nur weiß und in die andere nur braun, und dazwischen diese krassen Berge. Das ist schon ziemlich speziell.


Wie ist das mit der Logistik beim Bergsteigen in Patagonien im Vergleich zum Montblanc-Gebiet zum Beispiel?


Bergsteigen in Patagonien ist viel komplexer und erfordert eine viel bessere Taktik. Du hast keine Seilbahnen und Hütten und deshalb immer sehr lange Zustiege. Du läufst also erst mal sieben oder acht Stunden zu den Bergen und musst quasi immer biwakieren. Dann sind die Wandhöhen sehr groß, also biwakiert man oft auch in der Wand. Dafür musst du das nötige Material mitnehmen, andererseits willst du aber auch noch schwer klettern können, musst das Material also total minimieren. Und dann hat man nur sehr kurze Schönwetterphasen. Da musst du dir genau überlegen, wann du startest. Wenn das Wetter gut wird, sind oft erst mal die Verhältnisse schlecht, weil viel Neuschnee liegt. Im Zweifel wartest du noch einen Tag ab, hast dann aber hinten raus vielleicht nicht mehr genug Zeit. Die Taktik ist die Crux. Man scheitert selten daran, dass man eine Tour nicht hochkommt, weil sie zu schwer ist. Sondern daran, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist oder nicht das Richtige dabei hat.


Zitat Dörte Pietron


KLETTERN

A propos biwakieren: Machst du das gern?


Ich biwakiere sehr gern. Biwak hört sich immer nach etwas total Unangenehmem an. Aber wenn man das Richtige dabei hat und weiß, was man braucht, um bequem zu biwakieren, dann ist das super. Du liegst in dieser grandiosen Landschaft und siehst, wie die Sonne untergeht, du siehst die Sterne und den Mond über dir und morgens den Sonnenaufgang. 24 Stunden Stunden draußen zu sein, hat etwas extrem Entspannendes an sich. Man vergisst für einen Moment alle Zivilisationsprobleme.


Ist das Bergsteigen in Patagonien gefährlicher als in den Alpen?


Ein Riesenunterschied ist die Bergrettung. In Chamonix hat man eine Hubschrauberrettung mit extrem erfahrenen Piloten und Rettern. Diese Option, nötigenfalls rausgeholt zu werden, die hast du in Patagonien nicht. Und die Berge dort sind einiges größer, das heißt, es ist auch anspruchsvoller, da selbst jemanden runterzubringen. Deshalb sollte man in Patagonien entsprechend vorsichtig unterwegs sein. Ob das Risiko größer ist oder nicht, hängt ja auch davon ab, wie man mit der Situation umgeht. Wenn man entsprechend Puffer einplant, ist das Risiko nicht unbedingt größer. Und wie in den Alpen auch ist inzwischen der Klimawandel in Problem. Die objektiven Gefahren nehmen zu. Es gab jetzt einige Jahre, in denen das Wetter oft gut und es sehr warm war. Gerade die Berge mit den Schneepilzen vertragen das natürlich nicht gut. Es gibt mehr Eisschlag, mehr Steinschlag und es gab auch einige größere Bergstürze. Aber das gilt ja nicht nur für Patagonien.


Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Daniel Gebel

Tagesanbruch im Millionen-Sterne-Hotel

Du warst zwei Mal auf dem Cerro Torre, vier Mal auf dem Fitz Roy. Gibt es Frauen, die mit diesen Gipfelerfolgen mithalten können?


Es gibt schon einige, die auch sehr viel gemacht haben. Milena Gomez aus Chalten zum Beispiel oder die Amerikanerinnen Brette Harrington oder Kate Rutherford. Jetzt genau zu sagen, wer wie oft wo oben stand, da bin ich überfordert.


Bedeuten dir solche Zahlen und Rekorde überhaupt irgendetwas?


Nein, das ist auch albern, besonders diese Frauen-Erstbegehungen. Als Frau im Alpinismus hast du wenig Konkurrenz. Da ist es kein Kunststück, eine Frauen-Erstbegehung zu machen. Mir hat das nie etwas bedeutet. Ich mache das, was ich machen will. Und ich habe immer zig Sachen im Kopf, die mich total motivieren.


Nach der Ausnagelung der Kompressorroute am Cerro Torre 2012 hast du geschrieben: „Genial, dass die Kompressorroute nicht mehr kletterbar ist“. Du hast sie selbst auch geklettert. Ist das nicht ein Widerspruch?


Es ist immer schwierig, über etwas eine Meinung zu haben, was man nicht kennt, und darum will ich mir etwas so Kontroverses immer selbst aus der Nähe anschauen. Und deshalb ist das für mich erst mal kein Widerspruch.


Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Daniel Gebel

Die Allrounderin fühlt sich im anspruchsvollen Gelände wohl

Und was war dein Eindruck damals von der Route?


Das ist völlig dämlich. Im unteren Teil hast du megacoole Kletterei und kannst alles selbst absichern, und dann kommt diese Bohrhakenleiter, wo du dich seillängenweise nur A0 an den Haken hochziehst. Das führt über eine glatte, senkrechte Wand nach oben, klar, da kann man nicht klettern. Dazu kommt: Links davon war ein englisch-argentinisches Team schon 1968 und damit schon vor Maestri bis zu den Ice Towers geklettert, ohne Bohrhaken. Wenn du diese Bohrhakenleiter und das logische Gelände links davon nicht aus der Nähe gesehen hast, ist es schwer zu beurteilen, wie bescheuert die Kompressorroute eigentlich war.


Bist du, was alpine Kletterethik angeht, eher ein Hardliner oder eher großzügig?


Ich bin jetzt nicht jemand, der sagt: Bohrhaken geht gar nicht oder es muss alles eingebohrt sein. Ich finde es wichtig, dass es Diversität gibt, dass es alles gibt. Ich klettere eben selbst alles total gern, auch hartes alpines Sportklettern mit Bohrhaken als Sicherung. Aber wenn man international in anderen Gebirgen unterwegs sein will, wo nicht alles so präpariert ist wie in den Alpen, dann ist es wichtig, dass man auch lernen kann, selbst abzusichern und Stände zu bauen. Klar, in Klassikern, die Hundertschaften durchsteigen, können die Stände saniert sein. Aber es muss auch Abenteuerrouten weiter geben. Man muss lernen, mit dieser Unsicherheit umzugehen. Diese Unsicherheit kommt ja auch von einem selbst. In gefährlichem Gelände, das man selbst absichern muss, klettert man anders und mit mehr Reserve als in einem Gelände, wo diese zusätzliche Unsicherheit nicht existiert.


Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Daniel Gebel

2019 eröffnete Dörte mit Daniel Gebel gemeinsam die Route ‚Stagnazium‘ (M9) am Col de Stagn

Risikobereitschaft schreibt man oft eher jungen Männern mit Testosteron-Überschuss zu. Meinst du, dass du anders mit den Risiken am Berg umgehst als deine männlichen Kollegen?


Die Frage ist aus wissenschaftlicher Sicht unmöglich zu beantworten. Es gibt ja auch bei Männern ein riesiges Spektrum. Klar, aus dem Verkehr gibt es Statistiken, weil da die Gruppengröße groß genug ist. Und da ist der Tod männlich. Aber im anspruchsvollen Alpinismus gibt es so wenig Frauen, wie will man da eine statistische Aussage treffen? Die Frauen, die das betreiben, sind von ihrer Risikobereitschaft her wahrscheinlich schon relativ weit entfernt von der Durchschnittsfrau oder -alpinistin. Da ist die Frage: Ist die Durchschnitts-Extremalpinistin überhaupt noch entfernt vom Durchschnitts-Extremalpinisten?


Und wie ist es für dich ganz persönlich?


Es gibt viele, die weiter gehen als ich. Und ich gehe weiter als viele. Die Skala geht also in beide Richtungen weiter. Aber bei mir hat es sich sicher verändert in den letzten 20 Jahren. Weil ich halt relativ viele kenne, die beim Bergsteigen ums Leben gekommen sind. Früher dachte ich, wenn man vorsichtig ist, kann man das schon alles im Griff haben. Aber Alpinismus ist ein gefährlicher Sport, einfach durch die Exposition in diesem komplexen Gelände. Ich halte mich auch mittlerweile weniger im alpinen Mixedgelände und mehr im alpinen Fels auf, der zudem steil und schwer und damit relativ sicher ist.


Zitat Dörte Pietron


KLETTERN

Sind Frauen die besseren Kletter­partner?


Nein. So allgemein würde ich das nicht unterschreiben. Ich bin jahrelang eigentlich immer nur mit Männern geklettert und kannte das nicht anders. Was ich beobachte ist, dass sich bei gemischten Gruppen oder Seilschaften immer wieder dieses typische Rollenspiel einstellt, dass der Mann vorsteigt und die Frau hinterher, vor allem, wenn es unangenehm wird. Das liegt wohl auch daran, dass Frauen im Alpinismus noch ein Jahrhundert hinterher sind. Es gibt ja immer noch Alpinclubs, wo Frauen nicht aufgenommen werden. Deshalb finde ich es sowohl in Kursen als auch beim Exped-Kader gut, wenn das getrennt ist, weil diese Dynamik schon mal wegfällt. Tendenziell glaube ich, dass Frauen gute Kletterpartner für Frauen sind, weil man sich wegen der ähnlichen Physiognomie einfacher was abschauen kann. Die Größe ist ähnlicher, das Gewicht ist ähnlicher. Aber mein liebster Kletterpartner ist Daniel, und der ist keine Frau.


2011 hast du das Bergführerdiplom gemacht und warst dann eine von nur sechs Bergführerinnen. Wie fühlt man sich als Exotin unter 450 männlichen Kollegen?


Für mich ist das nichts besonderes. Ich habe Physik studiert, da sind auch hauptsächlich Männer. Ich habe mit Männern angefangen zu klettern. Im ersten Expedkader waren außer mir nur Männer. Ich finde dieses Frauenthema wichtig und interessant und spannend, aber es geht mir auch furchtbar auf den Geist. Ich glaube, wenn man nicht drüber redet und Frauenalpinismus nicht publik macht, dann wird sich nichts ändern. Viele Mädchen müssen das sehen, um zu verstehen, dass sie das auch erreichen können. Das ist jetzt so ein bisschen mein Thema geworden. Andererseits nervt‘s mich, weil ich eigentlich nur Bock habe, zu klettern und zu machen, was ich will. Und ob ich da jetzt eine Frau bin oder ein Mann, ist mir völlig egal. Und es ist halt auch furchtbar anstrengend, wenn du als Frau ständig im Schweinwerferlicht stehst und immer was besonderes bist. Dabei war es nie meine Absicht, etwas besonderes zu sein.


Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Daniel Gebel

Von unten eingerichtet: Dörte setzt einen Haken im ‚Goldkäfig‘ (10+) am Riffelkopf

Du beherrscht Eis, Mixed und Fels auf extrem hohem Niveau. Hast du trotzdem bestimmte Vorlieben?


Schwerer alpiner Fels in großer Wand, das interessiert mich klar am meisten. Sportklettern macht mir auch Spaß. Aber eine maximal harte Sportkletterroute zu schaffen, ist zwar in dem Moment extrem befriedigend, hinterlässt aber nicht so lange was, von dem ich zehren kann.


Was ist mit Höhenbergsteigen?


Die Höhe an sich interessiert mich nicht. Mich interessiert anspruchsvolles Gelände. Klar, der Trango Tower im Karakorum hat megacoolen Fels und schaut super aus, jeder Kletterer träumt da davon. Das würde mich schon auch interessieren. Aber dass da die Höhe dabei ist, finde ich eher hinderlich. Und so etwas wie das Achttausender-Bergsteigen, dass interessiert mich nicht.


In den letzten Jahren hast du mit Daniel Gebel eine Reihe extremer Sportkletterrouten bis zum oberen zehnten Grad im alpinen Fels eröffnet. Worin liegt da der Reiz?


Das ist das volle Abenteuer. Man schaut sich was an und denkt: Das ist ja voll der steile Pfeiler und warum gibt’s diese offensichtliche Linie noch nicht, die schaut doch super aus? Und dann steigt man da ein, klettert immer ins unbekannte Gelände und hat keine Ahnung, ob das überhaupt geht. Wenn das am Ende aufgeht, ist das schon sehr cool.


Dörte Pietron: die Spitzen-Alpinistin im Interview


Rolando Garibotti

Die Dolomiten gehören zu Dörtes Lieblingsgebieten, sie hat hier einen Zweitwohnsitz. Und schon viele harte Routen geklettert wie 2018 ‚Non ci resta che piangere‘ (8a+) am Piz Ciavazes

Eure Neutouren sind nicht unbedingt südfranzösisch abgesichert. Hast du keine Flugangst, wenn du da ins Leere kletterst?


Es ist ziemlich aufregend. Und ich hatte jahrelang Flugangst beim Sportklettern. Das ist aber mittlerweile kein Thema mehr. In diesen Routen sind zwar die Abstände manchmal weit. Aber dann ist das entweder viel leichter als die Maximalschwierigkeiten. In einer Zehnertour sind in den Siebenerlängen also mal lange Abstände drin. Und im schweren Gelände kann es schon mal sein, dass man zwischen den Haken klettern muss. Wir haben das ja von unten eingerichtet, und es ist teilweise schwierig, direkt an der Schlüsselstelle einen Bohrhaken zu setzen. Den könnte man dann eh nicht klippen. Da fällt man aber ins Freie, weil es so steil ist. Da passiert nichts.


Musstest du für diese Routen speziell trainieren?


Ja und nein. Ich gehe ohnehin sehr viel klettern. Ich trainiere quasi permanent, weil mich schweres Klettern reizt. Aber ich habe nicht speziell für diese Routen trainiert.


Wovon lebst du heute, wie verdienst du dein Geld?


Hauptsächlich arbeite ich als Bergführerin fürs Bundeslehrteam Sportklettern und Bergsteigen und gebe da regelmäßig Kurse. Daneben mache ich den DAV Expedkader und ab und zu habe ich auch Privatgäste. Und seit letztem Jahr halte ich bei Edelrid relativ viele PSA-Sachkundeschulungen.


Viele deiner Kollegen sind ja stark in Social Media Kanälen aktiv und leben zum Teil nur von Sponsoring-Geldern. Das ist nichts für dich?


Das ist mir zu stressig. Ich habe schon genug Druck durch mich selbst, da brauche ich nicht auch noch Leistungsdruck von außen. Da ist es für mich entspannter, mein Geld durch Führen zu verdienen als hohe Sponsoringverträge und damit ständig das Gefühl zu haben, klettertechnisch etwas bringen zu müssen. Ich will tun und lassen können, was ich will, ohne dass jemand großartig was von mir erwartet.


Klettern ist für dich also Privat­sache?


Klettern ist mein Hobby. Besser ausgedrückt ist es meine Leidenschaft, es ist das, wofür ich lebe. Aber das mache ich für mich und sonst niemand.


Lebst du deinen Traum?


Ja, schon. Das war mir auch immer ganz wichtig. Ich habe immer versucht, das zu machen, was mir wichtig ist, und das nicht aufzuschieben. Aber natürlich habe ich mir jetzt kein großes Sicherheitsnetzwerk aufgebaut. Und wenn so was wie Corona kommt, dann verdiene ich halt mal nichts. Das geht eine Zeit lang gut und irgendwann vielleicht nicht mehr. Das ist anders als ein Angestelltenverhältnis, wo man vielleicht Kurzarbeitergeld bekommt. Das ist für mich die große Erkenntnis aus diesem Jahr, dass auch sichere Rahmenbedingungen ihren Wert haben. Bisher konnte ich von Unsicherheit gar nicht genug bekommen.


Vielen Dank, Dörte!


Dörte Pietron: Bio

Am 27. April 1981 kommt Dörte in Heidelberg zur Welt, wo sie später von 2000 bis 2007 Physik studiert und mit Diplom abschließt. 2011 erhält sie das Diplom als staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin. Von 2003 bis 2005 gehört Dörte zum zweiten und damals noch gemischten Expeditionskader des DAV, seit 2011 leitet sie den Frauen-Expeditionskader.


Alpine Erfolge


2003 Droites-Nordwand, Ginat-Route (WI5/M).


2004 El Capitan The Nose, Half Dome Northwest Regular


2005 Montblanc du Tacul, Modica-Noutry (WI5+, M5), Karlstein Mescalito (8a)


2008 Marmolada Moderne Zeiten (7+/8-), Große Zinne Dirrettisima (8+), Cerro Torre Westwand Ferrari-Route (als erste Frau)


2009 Westliche Zinne Schweizerroute (9-, onsight)


2010 Cerro Torre Kompressorroute; Fitz Roy Nordwestpfeiler Afanassieff (als erste Frauenseilschaft) und Supercanaleta


2011 Fitz Roy Kalifornierroute und Ensueño


2018 Große Zinne Camillotto-Pelissier (7c+, rotpunkt); Ohne Rauch stirbst du auch (8a, rotpunkt)


2019 Super Cirill (8a/+), Riffelkopf Hands Down (10), Erstbegehung; Schwarze Wand Black Beauty (8b), erste freie Begehung, Schlüssel-


seillänge im flash.


2020 Riffelkopf Goldkäfig (10+), Erstbegehung


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